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Beitrag zu Low-Carb im ZDF: Purer Unsinn.

April 27, 2014

Hallo zusammen,

heute mal ein Post auf Deutsch, da ich in der ZDF Mediathek auf diesen Beitrag gestoßen bin und ich beim Anschauen fast meinen Fernseher aus dem Fenster geschmissen hätte – bei so viel Unsinn muß ich einfach was dazu schreiben.

Hier der Beitrag:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2108744/Wunderwaffe-Low-Carb%3F

Im Video geht es zunächst um ein Low-Carb Café – das finde ich zunächst mal eine gute Idee, wobei immer die Gefahr besteht, daß die Ernährung zu einseitig wird. Anders ausgedrückt: Wer zu Low-Carb findet, weil der Blutzucker/Insulin Mechanismus durcheinander kommt und als Resultat eine Abhängigkeit/Sucht nach Süßigkeiten entwickelt, tut sich vielleicht keinen Gefallen, Low-Carb zu machen und dabei dann seine Ernährung auf “Fake-Carb” umzustellen – Sachen wie Low-Carb Brot, Low-Carb Kekse, Low-Carb Kuchen sollten die absolute Ausnahme darstellen.

Aber darum geht’s mir in diesem Post eigentlich gar nicht – sondern um den restlichen Teil des Videos, in dem Low-Carb diskutiert wird. Hier würde ich gerne die Argumente von Ernährungsberaterin Brigitte Bäuerlein aus dem Video direkt zitieren und kommentieren:

Low-Carb hat nicht für alle Vorteile

Ja, soweit so gut – das stimmt.

Low-Carb heißt, ich verzichte  auf die Kohlenhydrate – somit verzichte ich auch auf Ballaststoffe […] und auch auf B-Vitamine

Unsinn. Blanker Unsinn. Ich frage mich, ob die Dame schon mal was von Salat, Gemüse und Obst gehört hat. Klar, bei Low-Carb kann man von stärkehaltigen Vertretern dieser Lebensmittelkategorien nicht viel essen. Es gibt allerdings weder bei den Ballaststoffen noch bei den Vitaminen eine Korrelation zum Stärkegehalt. Das bedeutet: Nicht nur kann ich bei Low-Carb ausreichend Ballaststoffe und Vitamine zu mir nehmen – es ist sogar darüber hinaus so, dass bei einer wohl bedachten Low-Carb Ernährung (also: nicht nur Steak und Butter) wesentlich mehr Mikronährstoffe zu sich nimmt, als bei der derzeit typischen Ernährungsweise mit High-Carb. Es gibt zu dem Thema sogar schon einige deutschsprachige Bücher, die das im Detail demonstrieren.

Und der große Nachteil vom Low-Carb: Es wird halt sofort auch fleischlastig … und eiweißlastig

Na klar – die laienhafte Vorstellung von Low-Carb bzw. Atkins. So einen Unfug hätte ich mir allerdings von einer Ernährungsexpertin nicht erwartet.

Tatsächlich ist es so, dass man nicht nur als Vegetarier, sondern sogar als Veganer auf Low-Carb umstellen kann. Low-Carb ist nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen, auch automatisch High-Protein. Im Gegenteil – isst man bei Low-Carb zu viel Protein, wird der Überschuss in der Leber zu Glukose umgebaut und sabotiert das, worum es bei Low-Carb eigentlich geht – speziell, wenn man die Ketose anstrebt (dazu später mehr).

Praktisch kann man sich das so vorstellen: Ein Veganer kann auf Low-Carb umsteigen, indem die stärkehaltigen Gemüse und Körner weggelassen werden, und stattdessen fetthaltige Pflanzen vorgezogen werden: Nüsse, Oliven, Avocado, Kokosnuss. Kein Problem!

Wenn ich viel Fleisch esse: Purine, Medikamente, Begleitstoffe …

Tja, dann halt bitte weniger Fleisch essen – wie bereits besprochen, muß Low-Carb nicht viel Fleisch bedeuten – oder einfach bei der Fleischqualität etwas aufpassen. Auch beim Salat, Obst und Gemüse sind wir nicht automatisch vor chemischen Rückständen sicher …

Es ist schon auch ordentlich Inhalt [Fett, Kalorien] dahinter – es ist nicht immer nur der Zucker, der böse ist

Klar, die Verteufelung des Fetts darf natürlich in so einem Beitrag nicht fehlen. Tatsächlich ist es tatsächlich nur der Zucker (Glukose, aber auch Fruktose), der böse ist. Eventuell noch Transfette (Margarine) und Omega-6 Fettsäuren (Sonnenblumenöl), aber davor wird in allen guten Büchern zu Low-Carb hinreichend gewarnt und aufgeklärt – Frau Bäuerlein wäre als Ernährungsexpertin gut beraten, sich diese zumindest mal grob durchzulesen, damit sie weiß, worum es dabei eigentlich geht.

Um es kurz zu machen: Schädlich sind gute Fette nur in Verbindung mit Kohlenhydraten, da die Kohlenhydrate dafür sorgen, daß der Insulinspiegel steigt und damit der Körper von Fettverbrennung auf Fettspeicherung umstellt. Die gleichzeitig aufgenommenen Fette lassen dann den Fett- und Cholesterinspiegel steigen und werden eingelagert. Läßt man aber die Kohlenhydrate weg, und nimmt auch insgesamt nicht mehr Kalorien zu sich, als man benötigt, werden die mit der Nahrung aufgenommenen Fett einfach in Energie umgewandelt, plus Kohlendioxid und Wasser, die völlig unschädlich sind.

[Moderatorin]: den bösen Zucker harn wir mal aufgebaut (Ein Schälchen mit 140g Würfelzucker), weil es tatsächlich eine Menge von Zucker gibt, die wir brauchen, um fit durch den Tag zu kommen

Naja – zunächst muß man mal zwischen Tafelzucker (Sukrose) und Glukose (Traubenzucker) unterscheiden.  Sukrose besteht zu gleichen Teilen aus Glukose und Fruktose (Fruchtzucker), und den letzteren braucht der Körper überhaupt nicht – im Gegenteil. Der Fruchtzucker wird von der Leber wie Alkohol betrachtet und im Wesentlichen zu Fett konvertiert.

Was die Glukose angeht: Nein, wir brauchen überhaupt keine! Der Körper kann selbst Glukose herstellen, Glukose ist also kein essentieller Bestandteil der Ernährung.

Wenn es nun darum geht, was die optimale Menge an Glukose ist, um “fit durch den Tag zu kommen”: Das ist natürlich schon schwieriger zu beantworten. Um es kurz zu machen: Stellt man auf Low-Carb um, verändert sich über einen Zeitraum von mehreren Wochen der Stoffwechsel – man benötigt dann wesentlich weniger Glukose, da der Körper auf alternative Mechanismen umstellt.

[Bäuerlein] … und das ist schon die Menge, die unser Gehirn braucht, um gut zu funktionieren

Nein, eben gerade nicht. Mal abgesehen davon, daß hier Glukose und Sukrose verwechselt wird, ist gerade das Gehirn in der Lage, in der Abwesenheit von Glukose auf alternative Energiequellen umzustellen. Konkret: Sowohl beim (Wasser-)Fasten als auch bei einer Low-Carb (und nicht High-Protein) Ernährung fängt die Leber umgehend an, Ketonkörper zu produzieren. Das sind Moleküle, die bei der Fettverbrennung entstehen. Das Gehirn ist nach einigen Tagen in der Lage, mehr als zwei Drittel seines Energiebedarfs darüber zu beziehen. Glukose wird immer noch benötigt, aber a) wesentlich weniger als vorher und b) Glukose entsteht in geringen Mengen ebenfalls bei der Fettverbrennung, da es aus dem Glycerol gewonnen werden kann, das im Körper als “Verpackung” für Fette (Triglyceride) verwendet wird.

Das hört sich erst mal abenteuerlich an – wenn man aber die Evolution des Menschen bedenkt, wird einem klar, dass die Verfügbarkeit von Kohlenhydraten eher die Ausnahme ist. Im Gegenteil, den größten Teil des Jahres über gibt es überhaupt keine Kohlenhydrate. Es ist also durchaus möglich, dass die ketogene Ernährung (d.h. so wenig Kohlenhydrate, dass das Gehirn auf den Ketonstoffwechsel umstellt) für den Körper der bevorzugte “Modus” ist, und die momentan praktizierte “High-Carb” Ernährung die Ausnahme.

… wenn wir nicht genug Kohlenhydrate essen, können wir nicht gut denken

Das kann schon vorkommen. Die Ketose hatte ich ja gerade erklärt. Wenn jetzt jemand eine Low-Carb Ernährung versucht und es dabei nicht allzu ernst meint, kann es natürlich passieren, daß er sich zwischen zwei Stühle setzt – zu viele Kohlenhydrate, um in Ketose zu kommen, und zu wenig, um genug Energie für’s Gehirn zu haben, und gleichzeitig aber genug, um den Blutzucker und das Insulin zu destabilisieren, so daß die Fettverbrennung gestört ist. Das merkt man aber durch ein einfaches Warnsignal des Körpers: Hunger. Wer Low-Carb probiert, und aber immer noch hungrig wird: Weniger Kohlenhydrate, mehr Fett.

… WHO Empfehlung für Zucker von 50g auf 25g gesenkt

Hier geht es jetzt tatsächlich um Tafelzucker (Sukrose), bzw. eigentlich um die darin enthaltene Fruktose. Das wird dem Zuschauer aber überhaupt nicht erklärt – er hört nur “Wir brauchen mindestens 140g – wir dürfen nicht mehr als 25g”. Klar, sie will natürlich darauf hinaus, daß wir die Glukose in Form von ballaststoffreichem Getreide essen sollen.

[Moderatorin]: Heute sprechen wir über gute vs. schlechte Kohlenhydrate

Ich dachte, es geht um Low-Carb??? Tatsächlich sind auf dem Tisch hauptsächlich Getreide und andere Kohlenhydratquellen drapiert, im Hintergrund noch drei Fettsorten. Sehr gesund – wo haben sich hier bitte die Vitamine versteckt?

Der Vorteile von [diesen Getreidesorten] ist, dass der Zucker in Form von kleinen Ketten als Stärke aneinandergehängt ist […] und der Körper muß die Ketten erst aufspalten, der Zucker geht nicht so schnell in’s Blut und die Bauchspeicheldrüse wird entlastet

Ich hab’s etwas umformuliert, aber das ist Frau Bäuerlein’s Aussage: Reine Glukose ist schädlich, weil sie zu schnell in’s Blut geht, aber in Form von Vollkornprodukten ist das kein Problem.

Schade nur, daß das überhaupt nicht stimmt: Der sogenannte glykämische Index (GI), der genau das ausdrückt (wie schnell gehen die Kohlenhydrate für ein bestimmtes Nahrungsmittel in’s Blut), ist beispielsweise bei manchen Sorten Vollkornbrot sogar höher als für Weißbrot.  Wer hier mehr wissen will, kann einfach mal nach entsprechenden Tabellen suchen. Entscheidend ist, dass Getreideprodukte durch die Bank einen hohen glykämischen Index haben. Im Gegenzug haben die bei Low-Carb erlaubten Kohlenhydratquellen (Salat, Gemüse) allesamt den niedrigen glykämischen Index, den Frau Bäuerlein uns für die Getreide weiß machen will.

… und Du bist länger fit, weil diese Getreide auch viele Mineralstoffe, Eiweiße und Vitamine enthalten

Stimmt nicht. Hier muß man natürlich zwischen den ganzen Körnern und Mehl unterscheiden. Bei den ganzen Körnern sind schon auch viele der genannten Stoffe enthalten – aber a) pro Kalorie sehr wenig verglichen mit Salat und Gemüse und b) es sind auch viele Stoffe dabei, die beispielsweise die Aufnahme von Mineralstoffen verhindern. Hintergrund ist, daß Pflanzen die Körner vor dem Verzehr schützen wollen. Es liegt schließlich nicht in ihrem (evolutionären) Interesse, daß die Körner verzehrt werden – daraus sollen neue Pflanzen wachsen. Daher versuchen die Pflanzen, Tieren die Verdauung der Körner so schwer wie möglich zu machen.

Es gibt hier schon Möglichkeiten, das zu umgehen – beispielsweise kann man die Körner in Wasser quellen lassen. Sobald die Pflanze aus dem Korn zu wachsen beginnt, werden nämlich die oben genannten Abwehrstoffe deaktiviert. Dann stellt sich aber die Frage, warum man nicht gleich Salat isst …

Hafer ist für mich eines der Top 10 Lebensmittel

Ja. Wenn ich Getreide essen müsste, würde ich Hafer essen – und das tue ich sogar gerade, im Rahmen meiner Low-Carb Ernährung, in Form von Haferkleie-Flocken. Das sind quasi die Ballaststoffe des Hafers. So ganz sicher bin ich mir aber momentan nicht, ob es mir nützt oder schadet … ich werde es wahrscheinlich demnächst eher weglassen.

 

Der letzte Teil des Videos ist die Zubereitung eines “gesunden” Müslis:

Getreideflocken, Kokosraspeln, Mandeln, getrocknete Cranberries, Obst, Orangensaft, Sahne, Ahornsirup (laut Frau Bäuerlein nur “ein Tropfen”, aber man kann sehen, daß es eher ein Esslöffel war)

Aus meiner Sicht ist dieses Müsli reines Gift – egal ob man Low-Carb oder High-Carb isst, ist in diesem Müsli so viel Zucker (Sukrose, enthält Fruktose) enthalten, daß es für niemanden gesund ist. Hier sind die aus meiner Sicht gesunden Zutaten:

Kokosraspeln, Mandeln, Obst, Sahne

Hört sich doch auch lecker an? Was spricht gegen Rührei (Eier und Sahne) mit Frühstücksspeck, dazu etwas Obst (Beeren oder Zitrus), und die Mandeln später am Tag als Snack? Das ist gesund, und Low-Carb.

 

So, das war’s … ich hoffe, daß es irgendwann auch in den Medien ein Umdenken geben wird, und gesundheitsschädliche Beiträge wie dieser etwas mehr Gegenwind bekommen und wir irgendwann vielleicht sogar mal nützliche Informationen zur Ernährung im Fernsehen sehen.

 

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From → Fat Loss

2 Comments
  1. Blubb permalink

    Oh schau mal… Ein weiterer Unsinnsblogger. Gratulation. 😀

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